Manchmal schlägt das Leben unerwartete Wegbiegungen ein, bevor man seine wahre Bestimmung findet. So auch bei Jürgen Czaschka, dem Wiener Meister des Kupferstichs, dessen Lebensweg alles andere als geradlinig verlief, obwohl seine Kunst gerade durch die Präzision der Linie besticht.

Von der Germanistik zur Druckgrafik

Geboren 1943 in Wien, begann Czaschkas Reise nicht etwa an einer Kunstakademie, sondern mit einem Studium der Geschichte und Germanistik. Sein beruflicher Weg führte ihn anschließend durch mehrere Stationen: Als Journalist dokumentierte er die Welt mit Worten, als Werbegrafiker gestaltete er visuelle Konzepte, als Bühnenbildner erschuf er flüchtige Welten für das Theater.

Die Wende 1977 – Berlin und die Liebe zum Tiefdruck

1977 markierte eine entscheidende Wende: Mit dem Umzug nach Berlin begann ein neues Kapitel. Dort entdeckte Czaschka in einem Radierkurs seine Liebe zum Tiefdruck. Was zunächst als Experiment begann, entwickelte sich zur Leidenschaft – insbesondere für den Kupferstich. Im Gegensatz zur freieren Radiernadel bot ihm der Grabstichel jene „erforderliche Strenge und Genauigkeit“, um die Welt in abstrakten Linien zu analysieren.

Renate Herold – die stille Kraft im Hintergrund

Hinter jeder großen Künstlerin und jedem großen Künstler steht oft eine unterstützende Kraft. Für Czaschka war dies Renate Herold, die er beim Theaterschaffen in Paderborn kennenlernte. Sie war es, die ihm ermöglichte, drei Jahre lang ausschließlich seiner Kunst zu widmen – ein „Vertrag“, wie er es nannte, der den Grundstein für seinen künstlerischen Durchbruch legte. Obwohl der zeitaufwendige Tiefdruck wirtschaftlich kaum rentabel war, unterstützte sie ihn kompromisslos.

Ab den 1980er Jahren teilten sie ihr Leben zwischen Berlin und einem kleinen Haus in einem Kastanienhain bei Fanano in Italien. Nach Renates Tod 2009 gründete Jürgen Czaschka 2016 die „Internationale Stiftung Renate Herold Czaschka“, die sich der künstlerischen Grafik und dem Künstlerbuch widmet.

Die Stiftung Renate Herold Czaschka

Die Stiftung verfolgt drei Hauptziele: die Förderung junger Künstler:innen durch Kooperationen mit Universitäten, die Zusammenarbeit mit internationalen Künstler:innen und die Organisation von Ausstellungen und Workshops. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem „Künstlerbuch“ – Werke, die die Buchform neu denken und künstlerische Forschung mit handwerklicher Qualität verbinden.

Italien, Lehrtätigkeit und das künstlerische Erbe

Als Lehrender hat Czaschka sein Wissen großzügig weitergegeben. Im italienischen Bagnacavallo, wo er sein gesamtes grafisches Werk dem örtlichen Gabinetto delle Stampe vermachte, unterrichtete er regelmäßig Kunstschaffende aus ganz Italien, die seine Lehre suchten, um die Geheimnisse des Kupferstichs zu erlernen.

Czaschkas Bedeutung für die zeitgenössische Druckgrafik

Jürgen Czaschkas Bedeutung für die moderne Kupferstichkunst kann kaum überschätzt werden. Er belebte diese klassische Technik neu und schuf mit kritischem, oft zynischem Blick Werke von höchster technischer Präzision. Seine Arbeiten stehen im Spannungsfeld zwischen klassischer Ikonographie und moderner Semantik – ein intellektuelles Abenteuer, das die Tiefe seiner geisteswissenschaftlichen Bildung widerspiegelt.

Der Wiener Meister hat gezeigt, dass der Kupferstich auch im digitalen Zeitalter ein Medium von atemberaubender Ausdruckskraft sein kann – ein handwerkliches Erbe, das durch seine Stiftung und seine Lehrtätigkeit auch für kommende Generationen bewahrt wird.

WERKE VON JÜRGEN CZASCHKA

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